ICE971, Wagen 5, Platz 33

Alles bestens - diesmal habe ich reserviert. Sitze sanft, und überlege, was ich mit den nächsten fünfeinhalb Stunden anfangen soll. Mich für die morgige Inquisition aus Norwegen rüsten? Ach, kein Bock. Laptop auspacken? Zu faul. Rumsitzen? Na ja, wo ich schon damit angefangen habe...

Laptop ausgepackt. Der ICE ist neu (nicht wirklich neu, aber der ICE971 ist anscheinend schon zurück aus der Pimpwerkstatt der Bahn), Steckdosen satt! Gut, mal sehen, was da noch so für Software auf dem PC schlummert. Cygwin? Langweilig. Subversion? Klingt schon besser, aber leider weiß ich nicht wie das Zeug funktioniert. Oh, die Hilfe ist ja riesig... Sumpf ...

Seit Berlin sitzt quer gegenüber ein Mädel mit Poloshirt. Auf dem ist eine Stickerei, die den Zug "Radeberger Ideenteam" trägt. Ich frage mich, was die so den ganzen Tag treiben. Nachdem auch mein fünfter Ansatz das Rätsel zu entschlüsslen in immer neuen Szenen der Simpsons endet, die irgendwas mit Duff-Bier zu tun haben, beschließe ich aufzugeben. Ich sage nur: "Das ist wahrscheinlich der glücklichste Fisch auf Erden!"

Subversion, scheint ein interessantes Stück Software zu sein. Nebenan sitzt ein Typ mit einem Subnotebook. Hat sich bis gerade eben einen Martial Arts Streifen reingezogen, den ich nocht nicht kannte. War ja selbst erst am Freitag in Der Fluch der goldenen Blume (chinesisch, OmU!!!). Ich gebe es ja zu, ich hatte Sehnsucht nach dem Kotti.

Der asiatische, wahrscheinlich chinesische, Schwert-huahoho-tsching-Drahtseileffekte-tschom-tschung-Film ist zuende. Oh, jetzt sind Trailer dran. Spider-Man 3, schon gesehen, Shrek 3, so so.

Neben Radeberger sitzt seit Kassel eine Chorsängerin, oder Opernsängerin. Wie man das merkt? Ganz einfach: Wenn jemand synchron zum MP3 Player die Lippen bewegt und etwa alle 8,3 Sekunden eine Partitur eine Seite vorblättert, dann liegt der Verdacht nahe.

Tuff! Tuff! Tuff! Wir fahren in den ... Bahnhof von Hanau. seit etwa fünf Minuten schleicht der ICE. Ich bekomme das Gefühl, dass das in dieser Region so gang und gäbe ist. Schließlich fährt der Zug bald in Frankfurt ein... ähm... schleicht. Seit der ersten Fahrt durch Frankfurt werde ich den Verdacht nicht los, dass das ein Riesen-Nest sein muss, voller verschlaffener Säcke mit Ruhekomplexen.

Die Sängerin, mittlerweile von der Müdigkeit übermannt, liegt jetzt vornüber auf ihrem Nachbarsitz. Anscheinend war der erste Versuch zur Akkomodation (schräg liegend, Beine auf dem Nachbarsitz) nicht erfolgreich. Irgendwie verstehe ich sie; diese ICE Sitze sind nicht gerade wohnzimmertauglich.

84 Minuten - so lange grummelt Tom Waits schon auf meinem Laptop. Das Bootleg Video von dem Konzert 2004 in Berlin ist der Hammer. Perspektive windschief, Wackler so beständig wie das Meer, unmotiviertes Zoomen und fehlende Schärfe sind alle genau richtig. Also bitte, bei Tom Waits hätte alles andere keinen Charakter!

Frankfurt. Ob jetzt, 22:45, noch Flüge Richtung Ballearen gehen? Okay, Kanaren wären auch akzeptabel. Verdammt, morgen diese vermaledeite Inquisition. Was steht wohl auf Ketzerei wider die Unfehlbare Sicherheitsrelevanz? 22:52, ein Zeichen: Die gepimpten Reservierungsanzeiger (digital) leuchten kurz auf. Eigentlich sind sie alle seit Ewigkeiten dunkel, weil die Start-Städte ja schon allesamt angefahren wurden. Lebt der Zug etwa? Oh Mann, ich sollte wirklich was essen, sonst schnappe ich noch über...

Tom schüttelt die Rassel ... 22:56, Zugansage: Wir warten noch auf einen Zug, Verzögerung etwa 20-25 Minuten. Die Opernsängerin schreckt auf, kerzengerade: "WWAAAS!?" Mürrisch legt sie die Stirn in Falten, nicht operntauglich. Ein Mann weiter hinten klatscht und fordert Freibier.

Wie gut, dass ich reserviert habe.