La lune argentée et immortelle

Nun, an einem ruhigen Samstag (dies gilt nicht für die Zeit zwischen 6:45 und 9:35), im Zug sitzend, sinniere ich mal wieder vor mich hin.

Weg, weg von der Stadt mit den zwei vermutlich größten Ortsschildern der Welt. Hin, hin zu der Stadt mit der Brücke, an deren beiden Enden zwei Neon-Hände unaufhörlich gegeneinander Schnick-Schnack-Schnuck spielen. Quer gegenüber mir sitzt im Abteil eine gutaussehende orange-blonde Grafikerin und es könnte nicht besser sein. Schließlich endete gestern um 19:40 mit der Aktivierung des Abwesenheitsassistenten mein letzter Arbeitstag für dieses Jahr.

Weg, weg von diesem ruhigen Samstag, hin, hin zu dem vor einer Woche. Silbermond in Karlsruhe und natürlich der Spruch des Abends: "Karlsruhe, ihr habt das wahrscheinlich größte Ortsschild der Welt! Lasst uns den Karl aufwecken!" Dieses Vorhaben erfolgreich durchzuführen war dank ordentlicher Lautstärke in der Europahalle auch gar nicht so unrealistisch. Somit war es keine Frage der Durchführbarkeit, sondern vielmehr eine Frage der Zeit, bis auch des letzten Karls Ruhe in Karlsruhe weggerockt wurde.

Weg, weg von Silbermond, hin, hin zu den Obskuritäten des Alltags. Genauer gesagt, hin zu den Obskuritäten des vorweihnachtlichen Alltags. Sicherlich, nur wenige können von sich behaupten nach einer Weihnachtsfeier nicht schon mal von Kollegen am Tage darauf mit seltsamen Bemerkungen, Aussprüchen und Gesten an den Abend davor "erinnert" worden zu sein. Blöd nur, wenn das Problem genau dort ansetzt, wo eigentlich die Erinnerung an die vergangene Feierlichkeit sein sollte. Ich jedenfalls habe mir die schlagenden Argumente in Form von Fotos und Videos gesichert. Für zukünftige Gehaltsverhandlungen versteht sich, hihi. Ob das nun das Karma meiner l'ame immortelle belastet, kann ich fürs Erste nicht beantworten.

Weg, weg von Weihnachten - vorerst, hin, hin zur vorgestrigen Nacht. Dunkle Mäntel und dunkle Gewänder. Karlsruhe, die Hochburg der Goths? Vielleicht, vielleicht auch nicht. (Frage: Kann es denn neben Berlin überhaupt noch eine andere ernstzunehmende Hochburg für irgendetwas geben? Hinweise aus der lesenden Bevölkerung werden gern entgegen genommen.) Jedenfalls bat sich eine gute Gelegenheit in die düstere musikalische Szene reinzuschnuppern. Beim Tourkonzert von L'Ame Immortelle. Aus Österreich, nicht wie der Name andeutet aus Frankreich. Trotzdem gut. Eigentlich geil, wenn der Sänger nicht seine Nase so tief in den Schnee gesteckt hätte. Vielleicht trägt ja die momentane Großwetterlage in Deutschland Schuld daran?

Weg, weg von der Seele - nicht wirklich, hin, hin zu dem Angriff der Asia-Pacific-Coalition auf Wolfartsweier vor etwa einem Monat: Ich bin noch nicht wach, ich schlafe. Nein, eigentlich bin ich schon wach, aber schlafe noch. Verdammt, was soll dieses Sirenengeheul? Sirenengeheul? ... Sirenengeheul!!! Scheiße, verdammt. Pe***, habe ich etwa bis Samstag mittag durchgeschlafen und dabei Donnerstag und Freitag verpennt? Nun, gut, bin jetzt mehr wach (so ziemlich). Kann nicht sein. Es ist sicher Mittwoch und muss arbeiten. Sirenen? Oh shit, bestimmt die Ost-Allianz, oder die Asia-Pacific-Coalition. Natürlich! Diese Bastarde, das ist klar, die sind es! Scheiße, scheiße, verdammte Scheiße. Warum lebe ich noch? Aber sicher, die Robotfighter sind schon im Anmarsch. Die brauchen uns lebend, damit sie uns zu Bioroid-Ersatzteilen verarbeiten können. Ich muss weg! Wie spät ist es? Wo ist die Anzeige hin? Mist, Strom muss weg sein. Okay. Ganz cool. Vollkommen klar, EMPs gegen die Energieversorgung. Das heisst ich muss durch den Lichtschacht. Gut, dass ich keinen Fahrstuhl als Zugang zu meiner Wohnung habe. Stattdessen nur einen elektrischen Rolladen. Also, raus aus dem Bett. Kerze suchen. Gut, dass sie die Strato-Eclipser anscheinend noch nicht eingesetzt haben. Das wenige Tageslicht, das durch den Lichtschacht fällt hilft beim Suchen einer Kerze. Gut, Kerze brennt. Anziehen, schnell, muss meine Vermieterfamilie warnen. Sofern sie noch leben und nicht vom Splitterhagel nach der atomaren Druckwelle geplättet wurden. Alright, Badezimmerfenster auf. Luft riecht normal (moderat nach Lichtschachtmoder), keine Spur von Brandgeruch. Wahnsinn, ich hätte nie gedacht, dass ich jemals die feuerverzinkte Leiter brauchen würde. Wir, mein Vermieter und ich, rissen immer Witze über eventuelle Stromausfälle und meinen Notausstieg. Okay, hinten rum raus. Alles ruhig, zu ruhig. Halte nach Robotfightern und Hover-Bombern Ausschau. Wenn sich etwas rührt, verschwinde ich im Lichtschacht und deaktiviere alle batteriebetriebenen Geräte. Klopfe an der Wintergartentür meiner Vermieterfamilie. Der fünfjährige Sohn steht da und sagt, dass es einen Stromausfall gibt und er heute Geburtstag habe. Hmm. Meine Vermieterin macht auch keinen besorgten Eindruck. Haben die nicht die Sirenen gehört? Sie geht, mein Vermieter kommt.

"Hallo Marco, bischd aus dem Lichtschacht gekomme'?"
"Ähm, ja..."
"Ist gerade Stromausfall."
"Ja, habe ich gemerkt, was ist den los?"
"Der Christian ist los und meinte, dass es bis Aue und Bergwaldsiedlung geht."
"...Sirenen?"
"Ja, die Feuerwehr."
Sie: "Der Max hat heute Geburtstag, wir feiern zwar nicht, kannst ja aber heute Abend vorbeikommen."
Ich, noch total verwirrt: "Ähm, ja."

Irgendwie stimmt hier etwas nicht... Oh, natürlich, es gab gar keinen Angriff mit Robotfightern und Hover-Bombern! Ich beschließe mich zu verabschieden und mich in meiner Wohnung zu duschen. Davor aber schalte ich eine Lampe als Stromindikator. Während ich unter der Dusche stehe geht das Licht an - für zwei Minuten, dann wird es wieder dunkel. Mist, noch immer eingesperrt. Denke darüber nach, wie kalt die Wohnung über den Tag wird, wenn ich das Lichtschachtfenster bis zum Feierabend offen lassen muss. Bin fertig mit duschen. Beim Frühstück geht die Lampe wieder an. Alles klar, keine Zeit verlieren, sofort Rolladenschalter betätigen. Super, der Rolladen öffnet komplett. Mein Handy klingelt, die Vermieterfamily.

"Haschd schon mitgekriegt? Der Strom geht wieder."
"Ja, danke, habe es beim ersten Mal verpasst."
"Haben wir mitbekommen und deshalb dachte ich, wir sagen Dir bescheid."
"Ja, danke."

Anscheinend wirklich kein Angriff der Koalitionsbastarde. Mache micht fertig. Schließe die Wohnung ab, beschließe das Risiko einzugehen und trotz Bedenken den Rolladen zu schließen. Vor dem Haus steigt mein Vermieter gerade ins Auto.

"Kannst Du mich mitnehmen?"
"Ja, runter zum Zündhütle". Wir fahren los.
"Sag mal, waren da nicht vorhin Sirenen."
"Ja, die Feuerwehr."
"Nein, nicht die Feuerwehr. Die habe ich auch gehört. Ich meine die Luftschutzsirenen vorhin. Du weißt, Luftangriff und so."
"Nein, 1 Minute Dauerton ist Luftschutz. Drei Mal ist der Ruf für die Freiwillige Feuerwehr, weil die keine durchgehende Bereitschaft haben." Klingt einleuchtend.
"Und warum der Stromausfall und die Feuerwehr?" Mein Vermieter hatte schon rumtelefoniert.
"In Bergwald ist bei einem im Haus der Notgenerator wegen des Stromausfalls angesprungen. Der hat halt eine Menge Rauch produziert. Ein Nachbar hat das gesehen und rief die Feuerwehr."
"Ach so."

Also, tatsächlich keine Robofighter. Beschließe meine neuerliche Vorliebe für japanische Sciencefiction Animes etwas zu zügeln und steige in die Straßenbahn ein. Später bei der Arbeit durchsuche ich die Nachrichtenseiten trotzdem nochmal nach vermeintlichen Angriffen der Asia-Pacific-Coalition ab. Nichts gefunden. Nun gut, ist auch besser so.

Weg, weg von den Robotfightern, weg vom Standalone Complex, hin, hin zum home an der Spree. Ich bin bereit! Drei Wochen raus aus dem Büro. Genug Zeit alles Wichtige dem /dev/null zu übergeben. Oh /dev/null, mögest Du ewig leben!

Ich singe es hier/ Ich singe es dort/ Das Lied/ Mit nur einem Akkord/ Du musst nicht viel dafür bringen/ Jeder kann es mitsingen/ Das Lied mit nur einem Akkord.