Geschrieben von: Marco Sonntag, den 06. November 2011 um 00:47 Uhr
Von Zeit zu Zeit durchläuft man Phasen im Leben, in denen man gefühlt eine kurze Weile innehält und im Geiste an Orte oder Zeiten zurückkehrt, an die man sich sonst nicht erinnert.
Ich denke, dass ein Jeder solche Erinnerungen hat, die erst durch bestimmte Eindrücke von außen wieder aus den Tiefen des Geistes hervorbrechen. Der folgende Text handelt von einem Erlebnis, besser einer Begegnung, während meiner Wanderung auf dem Jakobsweg 2008.
Es war gute 200 Kilometer vor Santiago de Compostela. Die Stadt heißt Ponferrada und zeichnet sich bedingt durch ihre geographische Lage durch eine besonders große Herberge aus. Das Pilgerzertifikat für Fußwanderer erfordert nämlich das Zurücklegen der letzten mindestens 100 Kilometer zu Fuß. Die doppelte Strecke ist bei Pilgern recht beliebt. Hieraus ergibt sich auch ein großer Klassenunterschied zu den Leuten, die einfach mal mit dem Bus nach Santiago kommen. Die letzteren sind nicht selten mit Videokameras in der Kathedrale von Santiago de Compostela zu Gange.
Aber machen wir wieder einen Sprung zurück nach Ponferrada. Die Herberge hat, so zumindest erinnere ich mich, über 200 Betten. Viele Pilger starten hier ihre Wanderung gen Santiago und so kommt es zu vielen Begegnungen mit Menschen, die neu auf der Pilgerautobahn sind.
An diesem Tag war ich mit Tibault aus Belgien und Ignacio aus Mexiko unterwegs. Wir trafen früh am Abend an der Herberge ein, wo auch schon einige andere bekannte Gesichter auf uns warteten. Die Tage davor hatte ich mein Tempo etwas abgekapselt und so musste ich den anderen erstmal den Belgier und den Mexikaner vorstellen. Durch unsere unterschiedliche Ankunftszeiten waren wir dann auch getrennt und in verschiedenen Schlafsäalen untergebracht. Der Schlafsaal, in dem ich dann die Nacht verbringen sollte war im Keller und hatte zwei Zugänge: Über das Treppenhaus aus dem inneren der Herberge und von außen über eine Art Kellertreppe.
Die Zeit bis zum Zapfenstreich vertrieben wir uns mit den üblichen Gesprächen über die Eindrücke des Tages. Natürlich auch über den Zustrom der Pilger, die erst am Anfang ihrer Reise standen. Die Neuankömmlinge holten sich Tipps von den erfahrenen Pilgern ab und horchten gespannt den Ausführungen zu Bergetappen und wilden Hunden auf dem Weg. Später dann sollte sich rausstellen, dass der Zapfenstreich in dieser Herberge recht streng gehandhabt wurde: Das Licht war zentral beschaltet. Schwupp - alles mit einem Mal duster. Die Enge der Etagenbetten und die aberwitzigen Konstruktionen, mit denen die Herbergsgäste ihre Mobiltelefone und Photoapparate luden, machte das Gehen im Dunkeln noch um einiges schlimmer.
Doch, was schon bei einer so großen Anhäufung von jungen Menschen klar war, so gab es eine Gruppe von Zapfenstreichbrechern. Diese versammelten sich alle auf der Kellertreppe und die geschlossene Tür zum Schlafsaal machte dieses Happening auch für die Schlafenden im Saal sozial verträglich.
Keine Frage, dass auch ich zu dieser Gruppe gehörte. Da saßen wir, ein zusammengewürfelter Haufen von Pilgern. Nach einigem Rumalbern - die Situation erinnerte ein bisschen an Klassenfahrten oder Jugendfreizeiten - wurden wir doch tatsächlich von Herbergsleitern mit Taschenlampen aufgebracht. Diese lachten nur ob der Mannschaft von etwa zehn Leuten, die da über die Kellertreppe verteilt saß und sich kollektiv ertappt fühlte. Es folgte eine Ermahnung, dass man die Ruhe der Schlafenden beachten sollte und damit hatte es sich dann auch wieder erledigt.
Dies war die erste Begegnung mit Leia. Allein schon der Name brachte mich ins Grübeln. Tatsächlich erwiderte sie auf meine Frage ob es ihr wirklicher Name wäre mehrfach dass es die Wahrheit wäre. Ehrlich gesagt, weiß ich noch immer nicht wie verbreitet dieser Name ist.
Sie hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit der Figur der Prinzessin Leia aus Star Wars. Allerdings war diese Leia jetzt leibhaftig zwei Treppenstufen von mir entfernt und sprach englisch. Sie war aus den Staaten und fand das alles rund um das Pilgern ein klein wenig aufregend. Ihr Tonfall beim Sprechen war es, der meine Intuition kitzelte und mir verriet, dass da mehr dahinter stecken sollte als bloße Oberflächlichkeit. Meine Neugier war geweckt.
Ich wartete darauf, dass die etwas weniger interessanten Themen durchgesprochen, die Diskussionen stiller und unwesentlich wurden. So kam ich mit Leia ins Gespräch. Es dauerte nicht lange bis es nur noch wir beide die waren, die sprachen während die anderen auf der Kellertreppe mehr und mehr zu Zuhörern wurden. Die Nacht war klar, einige Sterne waren zu sehen, es war mild und der Klang unserer beiden Stimmen verwebte sich mit der Luft. Die Worte schienen für einige Momente zu schweben und ein kaum wahrzunehmendes Glühen verband die Gruppe. Einigen Zapfenstreichbrecher waren irritiert, zum Teil vielleicht starr, einige andere hatten die Augen geschlossen und lauschten einfach den Klängen des Dialogs.
Leia und ich sprachen über vieles. Leider vermag ich es nicht mehr mich an alles zu erinnern. Das wichtigste allerdings blieb haften: Diese Leia liebte Mysterien. Ich interessierte mich für ihre Reise, deren Pilgerschaft nur ein Teil ihres Weges durch Europa ausmachte. Sie erzählte mir in ihrer friedvollen und melancholischen Art von einem Besuch in einer privaten Bibliothek in Großbritannien. Ihre Worte erzählten die Geschichte von alten Schriften, die sie gesichtet hatte, über deren Inhalt sie jedoch nichts verraten wollte. Sie sagte nur so viel: Das Studium der Schriften war ein wichtiger Teil ihrer Reise und sie hatte großen Spaß daran. Wo sie war und wer ihr Zugang gewährt hatte, blieb ihr Geheimnis. Ein Mysterium im Mysterium.
In den nächsten Tagen hatten sich unsere Wege nicht mehr gekreuzt, doch dachte ich oft an die Begegnung an der Treppe zurück. Denn es ist selten, dass man Menschen begegnet, die im Einklang mit sich und der Welt leben. Die Leia, der ich begegnete, war so ein Mensch. Sie war eine Forscherin, deren Sichtweise nicht geprägt war durch die Kategorien Gut oder Böse. Mir fällt es schwer zu beurteilen inwieweit ihre Erkenntnisse, die sie zu Beginn ihrer Reise mal gesucht hatte, gereift waren oder wie groß ihr Abenteuer in Wirklichkeit war.
Es war wieder einmal nach einem ausgiebigen Mahl, viel Freude und gutem Wein, als ich nachts mit Michael zum Hotel in Santiago de Compostela zurück lief. Seit Ponferrada waren acht oder neun Tage vergangen und dieser Tag, wie der davor, hatte viele schöne Wiedersehen (und auch Abschiede) mit sich gebracht, doch das folgende traf mich unerwartet: In einer Gasse in der Altstadt Richtung Kathedrale kam mir Leia in Begleitung eines weiteren Mädels entgegen. Wir lächelten uns an, begrüßten uns und freuten uns über die unverhoffte Begegnung.
Ein klein wenig angetrunken verriet sie mir, dass sie einige schöne Tage auf dem Weg nach Santiago vebracht hatte und dass sie glücklich über ihre Reise war. Ich wusste noch von ihr, dass sie keine konkreten Pläne für die Zeit nach ihrer Reise durch Europa hatte. Daher fragte ich sie, ob ihr in den letzten Tagen eine Idee gekommen wäre, was sie in Zukunft machen würde. Sie antwortete: "I have to meet people. Another mission." Ich schaute sie fragend an: "A mission?" Sie lächelte, meinte nur, dass sie wohl etwas zu viel Wein gehabt hätte. Sie hätte sich verplappert, sagte sie. Ich gab meiner Neugier nicht nach. Hätte ich sie gefragt, sie hätte mir ihr Geheimnis verraten. Doch in diese Verlegenheit wollte ich sie nicht bringen. Michael und ihre Begleiterin schauten aus, wie man nur aussehen kann, wenn man nicht eingeweiht ist. Wir verabschiedeten uns zögerlich und sahen uns seitdem nie wieder.
Es heißt "man begegnet sich immer zwei Mal". Ich würde mir wünschen, dass Ponferrada und Santiago de Compostela nur als ein Mal gelten.
Geschrieben von: Marco Mittwoch, den 03. September 2008 um 18:07 Uhr
Unterwegs auf dem Jakobsweg (Camino de Santiago).
Check out http://camino.gurrage.de